Auerbach über Wittgensteins Spätphilosophie als Heilmittel gegen die Zumutungen der Dekonstruktion

Unlike the parlor tricks of the deconstructionists who bloviate about différance and traces, there clearly are rules that shouldn’t be broken and clearly ways of speaking that are blatantly incorrect, even if they change over time and admit to flexible interpretations even on a daily basis.

David Auerbach: The Limits of Language (Artikel auf slate.com vom 1. September 2015)

Auerbach über Wittgensteins Spätphilosophie als Heilmittel gegen die Zumutungen der Dekonstruktion

Wie Wittgensteins „philosophische Therapie“ in der Praxis versagt hätte, …

… zeigt sehr anschaulich dieser wunderbare Comic von Corey Mohler (für höhere Auflösung auf das Bild klicken):

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Gottseidank hat Wittgenstein nach meinem Kenntnisstand niemals derartige „Therapien“ praktiziert. Den Ausspruch, seine Art der Philosophie habe eine „therapeutische Funktion“, hat er aber wirklich getan – und er war keinesfalls ironisch gemeint.

Wie Wittgensteins „philosophische Therapie“ in der Praxis versagt hätte, …

Wittgenstein in 10 Minuten

L.W.Rupert Read hat bereits am 26. April einen gut lesbaren Mini-Essay (auf Englisch) über die Philosophie des Österreichers verfasst, den ich der Leserin der Weltsicht nicht vorenthalten will. L.W. kommt darin vor allem als „Anti-Philosoph“ zur Geltung (was nicht falsch ist), dessen Texte eigentlich nur dann fruchtbar gemacht werden können, wenn man sie gegen die Absichten ihres Urhebers liest (vielleicht war L.W. auch nur der neurotischste Philosoph aller Zeiten):

Rupert Read: Wittgenstein in 800 Words (2015)

Wer über Wittgensteins Philosophie immer nur Fragmentarisches und Anekdotisches zu Ohren bekommt (und das ist der Normalfall), ist mit Reads Synopse ganz gut bedient. Auch philosophie-unerfahrene LeserInnen dürften so rasch herausbekommen, ob sie diese Art, zu denken, nachhaltiger interessiert oder eher abstößt.

Meinen eigenen Gedanken zu Wittgenstein finden sich hier und hier.

Wittgenstein in 10 Minuten

Ordinary Language Philosophy mit Jonathan Miller und John Cleese

Interessanterweise scheint das englische Publikum die Anspielungen auf die unter Ludwig Wittgensteins Einfluss entstandene Ordinary Language Philosophy der 1940er Jahre noch 1977 ganz gut verstanden zu haben – obwohl natürlich ohne die exaltierte Körpersprache von Cleese und Miller das Ganze nur halb so lustig wäre. Ob für das deutsche Kabarettpublikum im Jahr 2015 ein derartiger Sketch (trotz der ungebrochenen Popularität von Monty Python) auch nur im Mindesten verständlich wäre, ist die Frage. Die Aufzeichnung ist übrigens gekürzt, eine ungekürzte Version aus den 1960er Jahren (ohne Cleese und leider nicht ganz so lustig) findet sich hier:

Gesucht: Comedians, die – auf diesem Niveau – einen Sketch zum Thema „Derrida und Deleuze diskutieren Differenz“ hinkriegen.

Ordinary Language Philosophy mit Jonathan Miller und John Cleese

Ludwig Wittgenstein und die Musik

Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951)
Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)

Eben habe ich auf meiner Homepage einen kleinen Essay namens Vom rhythmischen Aneinanderreiben der Vorderzähne publiziert, der dem Verhältnis des Philosophen zur Musik nachspürt. Eine PDF-Version mit allen Quellenangaben gibt’s auch. Kostprobe gefällig? Bitte:

Das Musikhören sowie das ausgiebige Pfeifen von Musikstücken spielten im Leben des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) eine gewichtige Rolle. Bis in die Wolle gefärbt durch seine Kindheit und Jugend in der kunstliebenden und -fördernden Wiener Oberschicht des frühen 20. Jahrhunderts, hat er sich zeitlebens jedoch ausschließlich mit der Musik einer Handvoll mitteleuropäischer Kunstmusik-Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt: Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler, Mendelssohn, Mozart, Schubert und Wagner. Darüber hinaus findet nur die Musik Josef Labors, des blinden „Hausorganisten“ der Familie Wittgenstein und Klavierlehrers Arnold Schönbergs, ab und zu in seinen Texten Erwähnung.

Wittgensteins Musikgeschmack scheint sich niemals weiterentwickelt zu haben. Ich kenne keine Stelle in seinen Texten, die sich mit Schönberg, Berg oder gar Webern (mit dem er ja, was die erratische Ausdrucksweise betrifft, manchmal verglichen wird) beschäftigt. Dass Wittgenstein als gebildetem Wiener seines Jahrgangs aber die „Zweite Wiener Schule“ oder die Musik etwa Igor Strawinskis komplett unbekannt geblieben ist, ist sehr unwahrscheinlich. Muss man ihn deshalb einen Ignoranten nennen? Gar einen Reaktionär, der die musikalische Ästhetik der klassischen Moderne ablehnte und stattdessen in der klassisch-romantischen Tradition steckenblieb?

Zunächst sieht das einmal wirklich so aus. Betrachtet man aber einmal genauer, was Wittgenstein in seinen, hauptsächlich in den 1930er und 1940er Jahren verfassten, „Vermischten Bemerkungen“ über Musik, oder, besser, über das „Verstehen“ von Musik, zu sagen hatte, wandelt sich dieses Bild: «Die Menschen heute glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren, die Dichter und Musiker etc., sie zu erfreuen. Dass diese etwas zu lehren haben; kommt ihnen nicht in den Sinn.» Musikhören war also für Wittgenstein ganz selbstverständlich auch ein Mittel der Erkenntnis. Und der Logiker in ihm versuchte beharrlich, die Eigenart seines „Verstehens“ von Musik in Worte zu fassen – bis zu einem bestimmten Punkt. Eine intellektuelle Analyse und Einordnung des Gehörten, etwa im Sinne des 14 Jahre jüngeren Theodor W. Adorno, vermied er nämlich. Was jedoch nicht heißt, dass Wittgenstein lediglich ein oberflächlicher Genusshörer war – dafür sind seine Gedanken über musikalische Erfahrung dann doch zu gewichtig. Wittgenstein macht aus seiner ausschließlichen Vorliebe für die klassisch-romantische Tradition jedoch kein Dogma. «… manche Musik möchten wir eine Sprache nennen; manche Musik aber gewiß nicht. (Nicht, daß damit ein Werturteil gefällt sein muß!)».

Ludwig Wittgenstein und die Musik

Derek Jarman: „Wittgenstein“ (1993)

Derek Jarman (1942 - 1994)
Derek Jarman (1942 – 1994)

Ein Jahr vor seinem frühen Tod mit 52 Jahren schuf der britische Regisseur Derek Jarman diese fesselnde, knapp 70-minütige Inszenierung von Leben und Werk des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951). Die sehr sorgfältig ausgewählten Schauspieler (die auffallende Ähnlichkeit von Hauptdarsteller Karl Johnson mit dem historischen Wittgenstein ist sehr irritierend!) rezitieren zum großen Teil Originaltexte Wittgensteins und seiner unmittelbaren Umgebung. Dennoch wirkt das Ganze kaum jemals künstlich und ausgedacht. Am Skript wirkte der Literaturtheoretiker Terry Eagleton maßgeblich mit.

Ganz sicher kein Film zur Entspannung zwischendurch, aber, die „richtige“ Stimmung vorausgesetzt, ein nachhaltig beeindruckendes Erlebnis.

YouTube-Nutzer redetrigan hat den Film in guter Bild- und Tonqualität in 7 10-Minutenstücken hochgeladen. Ich habe eine Playlist erstellt, die diese fast bruchlos wieder zusammenfügt. Wer erst mal reinschnuppern möchte, kann hier mit Teil 1 beginnen.

Derek Jarman: „Wittgenstein“ (1993)

Wird Wittgenstein populär?

Schaut man sich das Ergebnis dieser Umfrage an, die Philoblogger Björn Haferkamp jüngst veranstaltete, möchte man es fast glauben:

"Welche/r dieser PhilosophInnen hat für dich die größte Bedeutung?"
"Welche/r dieser PhilosophInnen hat für dich die größte Bedeutung?"

Zur Auswahl standen allerdings ausschließlich die hier auftauchenden 20 Köpfe, also nicht etwa Hegel, Spinoza, Descartes etc. Allerdings glaubt Haferkamp, dass „alle wichtigen Schulen oder Denkrichtungen der Gegenwart (ab 20. Jahrhundert)“ dadurch repräsentiert waren.

Meine eigenen Versuche, Wittgenstein zu verstehen, die sich an Hans-Johann Glocks „Wittgenstein-Lexikon“ entlanghangeln, finden sich seit 9 Jahren hier.

Wird Wittgenstein populär?