Cecil Taylor ist gestorben und ich gehe in mich

Cecil Taylor ist einer meiner „großen Drei“*, also der Jazzpianisten, die mich am stärksten beeinflusst haben, während ich mir um 1990 herum meine Variante des Jazzpianospielens selbst beibrachte. Jetzt ist er im gesegneten Alter von 89 Jahren gestorben, wie ich vergangene Woche dem Blog von Alex Ross entnahm.

Ich wurde ein wenig traurig, habe mir die populärsten Cecil-Taylor-Videos auf YouTube herausalgorithmisiert und auch gleich Einiges angehört. Dabei kam mir sein Spiel sehr viel weniger komplex vor als um 1990 herum. Aber warum?

Das Erste, was mir dazu einfällt, ist die – zugegeben selbstgefällig klingende – Vermutung, mein Verständnis musikalischer Komplexität habe sich während des vergangenen guten Vierteljahrhunderts derart signifikant erhöht, dass mir Taylors Musik nun in weniger schillerndem Licht erscheint. Seine rasende Konstruktivismen kamen mir um 1990 als eigentlich nicht überbietbare „Echtzeitkompositionen“ vor, die mich anspornten, selbst den dornigen, entbehrungsreichen & einsamen Pfad der solistischen Improvisation am Klavier (allerdings mit dahinterstehender Kompositionsabsicht) einzuschlagen. Und so geschah es ja auch.

Allerdings fällt mir heute auf, dass Taylors Musik sehr viel mehr mit Virtuosität und Fleiß zu tun hat bzw. hatte, als ich damals annahm. Mich hätte seine Bemerkung in der Doku „All the Notes“ (Ausschnitt) misstrauisch machen müssen, er habe täglich mehrere Stunden zu üben.

Auch stieß ich auf eine Improvisation über Billy Strayhorns „After All“, die sich exakt so anhörte wie die Version auf meinem Cecil-Taylor-Initiations-Tonträger, der LP „Silent Tongues“, die mich in den 1980er-Jahren eine ganze Weile ästhetisch aus der Fassung gebracht hatte. Hat der Meister dann doch mehr reproduziert als kreiert? Oder hatte ich nur zufällig das Video exakt des Konzertmitschnitts entdeckt, der der LP zugrunde lag?**

Drittens musste ich feststellen, dass es in Taylors Spiel eigentlich keine Polyphonie gibt, zumindest nicht im Sinne eines entwickelten Kontrapunkts, also dem mehr oder minder gleichberechtigten Nebeneinander von mindestens zwei Einzelstimmen. Was es sehr wohl gibt, ist der schnelle Wechsel zwischen recht verschiendartigen, aber aufeinander bezogenen repetitiven Strukturen, von denen man sich zumindest vorstellen kann, dass sie auch simultan erklingen könnten, hätte der Pianist denn mehr als zwei Hände.

Viertens: Taylors schier endlos wiederholte „Dreiergruppen“ („Triolen“ trifft es nicht wirklich), die sein Spiel ebenso markant bzw. mitunter enervierend wie hochgradig wiedererkennbar machten – ein Marketing-Vorteil, ob nun gewollt oder nicht – stellen ganz einfach eine der simpelsten, energetisch effizientesten und dabei musikalisch potentiell sogar sinnvollen Hand- bzw. Fingerbewegungen dar, die man auf dem Klavier überhaupt machen kann. Musikalisches drip painting sozusagen. Was jetzt keine Abwertung sein soll, nur ist mir dieser Zusammenhang früher nicht auf- oder eingefallen

Je mehr Videos aus den 1970er- und 1980er-Jahren ich mir ansah, desto weniger Lust bekam ich, mich mit Taylors Spiel anlässlich seines Todes noch einmal neu auseinanderzusetzen. Ich denke, alles, was er mir zu geben hatte bzw. – besser – alles, was ich in der Lage war aufzunehmen, ist bereits in meine Arbeit eingeflossen. In diesem Sinn ist Cecil Taylor ein erforschter und geplünderter Kontinent.

Nun denn: So long, big cat!

Dieses Klavierstück aus dem Jahr 2007 ist Cecil Taylor gewidmet, jetzt mag es als Requiem dienen:


* Für Neugierige: Die anderen beiden sind Lennie Tristano und Bill Evans.
** Letzteres, wie sich herausstellte. Ich habe Taylor also zu Unrecht des Selbstplagiats bezichtigt!
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Cecil Taylor ist gestorben und ich gehe in mich

2 Gedanken zu “Cecil Taylor ist gestorben und ich gehe in mich

  1. Udo Matthias schreibt:

    Hallo Stefan, ich bin beeindruckt von deiner Herangehensweise und vor allem auch Deiner Ehrlichkeit…..(Selbstplagiat). Ich denke das ist ein Zeichen von der Arbeit auch an sich Selbst. Viel Erfolg auf Deinem weiteren Weg. Man wird zwar immer einsamer aber es lohnt sich.
    udo

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  2. @Udo Matthias: Danke für die freundlichen Worte und guten Wünsche 🙂 Ich arbeite allerdings (auch) an mir selbst, um gelassener auf andere zugehen zu können, was ja das Gegenteil von Einsamkeit zur Folge haben sollte…

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