Cologne School Keyboard Music

Auf der Homepage des Komponisten Walter Zimmermann stieß ich auf den Essay Where the river bends: the Cologne School in retrospect des englischen Komponisten Christopher Fox aus dem Jahr 2007. Er bringt dort, für mich erstmalig, zusammen, was zusammengehört: die Ästhetik der Komponisten Clarence Barlow, Kevin Volans, Walter Zimmermann und Gerald Barry (wobei ich Letzterem hier erstmalig begegnete). “Cologne School” deswegen, weil sich die vier in den späten 70er Jahren nicht nur (zumindest zeitweise) in Köln aufhielten, sondern auch untereinander streckenweise intensiven persönlichen Kontakt pflegten. Die Komponisten selber freilich verstanden sich niemals als irgendeiner “Schule” zugehörig, einig waren sie sich wohl lediglich in der Ablehnung des (post-)seriellen Dogmatismus’ der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Doch Fox weist nach, dass die vier ästhetisch wohl mehr verband, als sie (bis heute) selbst zugeben wollen:

… one of the central features of this music [of the Cologne School composers] is an inquisitorial attention to the nature of musical material and to the nature of the relationship between that musical material, large-scale formal structures and expressive intention.

Das klingt zunächst einmal etwas allgemein, doch Fox führt dankenswerterweise im Folgenden genauer aus, welchen Materialbegriff die Kölner seiner Meinung nach hatten:

… one of the achievements of the Cologne School composers was to introduce a new body of material into the repertoire of new music. A key strategy in the production of this material was appropriation, the transference of existing musical material into a new context. Most of this material was tonal and/or modal …

Die Kölner eigneten sich also musikalisches Material an, anstatt “direkt” nach “persönlichem Ausdruck” zu streben, wie so viele “Neo-Expressionsten” nach ihnen. Ihr Blickwinkel war global: Barlow forschte in Indien und Afghanistan, Volans in Südafrika, Zimmermann in Mittelfranken (!), Barry wandte sich den Chorälen J. S. Bachs zu. Die vorgefundenen Musiken wurden dann aber weder “zitiert”, noch wurde auf sie “angespielt”, auch Collagen wurden keine erstellt. Sie wurden stattdessen einem kompositorischen Prozess unterworfen. Dieser stützte sich, den individuellen Talenten und Neigungen der Kölner entsprechend, auf psychoakustisch fundierte Algorithmen (Barlow), philosophische Spekulation (Zimmermann) oder musikethnologische Feldforschungen (Volans) (Barrys “Methode” erschloss sich mir aus Fox’ Essay leider nicht wirklich).

Die so entstandene (und entstehende, denn alle 4 sind quicklebendig!) Musik wurde von der Mainstream-Kritik oft als “post-minimalistisch” bezeichnet. Richtig an diesem Begriff ist, dass die Kölner gewissen “Errungenschaften” der Minimal Music wie Repetitivität und Verwendung überlieferter Tonsysteme zumindest mit einer gewissen Offenheit gegenüberstanden – mehr aber auch nicht. Ihre Musik war und ist nicht restaurativ wie einige Werke John Adams’ oder Michael Nymans (die man auch, und völlig zurecht, als “Post-Minimalisten” bezeichnet), sie blieb sozusagen im “Avantgarde-Modus”, weitete jedoch den Blick auf das Phänomen Musik vom Eurozentrischen ins Universelle.

Damit gehört die von Fox völlig zu Recht kreierte “Cologne School” zu den direkten Vorläufern der “Sampling-Ästhetik” des 21. Jahrhunderts, wie sie beispielsweise Johannes Kreidler in seinem Essay Das totale Archiv propagiert (freilich ohne sie so zu bezeichnen!), die ebenfalls eine vorurteilsfreie Appropriation vorgefundener Musiken forciert, wenn auch unter mittlerweile extrem fortgeschrittenen technologischen Rahmenbedingungen.

Ein (erneutes) Nachhören der skrupulös ausgearbeiteten kompositorischen Prozesse der Kölner, die sich keinesfalls auf Algorithmen beschränkten, sondern auch, vorzugsweise im Falle Zimmermanns, der Intuition und der Improvisation ihren Raum ließen, kann vielleicht verhindern, dass im “totalen Archiv” des Heute der Horizont “weggewischt” wird (Kreidler). Fox verweist in diesem Zusammenhang mehrfach auf “… the absence of irony in the Cologne School’s use of appropriated material …“. Grund für diesen ästhetischen Ernst scheint mir zu sein, dass es den Kölnern tatsächlich um die Erweiterung ihrer musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten ging, nicht um die betont lässige oder gar zynische Zurschaustellung von “beliebig verfügbarem” musikalischem Weltwissen. Offenbar hatten die Gruppe einen (eventuell ihr selbst gar nicht so recht bewussten) Begriff von “Aneignung”, der vielem, was in heutiger Musik als sampling bezeichnet wird, weit überlegen war. Die Idee, besser, das Ideal einer musikalischen Universalgrammatik scheint immer ein bisschen durch in ihrer Musik, ohne dass diese jemals den Anspruch erheben würde, jenem bereits gerecht werden zu können.

Ode an Proxomitron

Das Proxomitron-Logo

Das Proxomitron-Logo

Seit fast 10 Jahren nutze ich beim Internet-Surfen den universellen Webfilter Proxomitron und wundere mich ebenso lang, warum das eigentlich nicht jede/r tut. Die Seiten von SPIEGEL ONLINE oder Perlentaucher beispielsweise kenne ich nur werbefrei. Schon vor Jahren erzählte ich einmal einem internet-affinen Bekannten von der Software: Er kannte sie nicht – was mich wiederum außerordentlich verwunderte. Nach einigem Nachfragen kam heraus, dass er sich zwar auch schon ewig über blinkende Anzeigen, unerwartete Pop-up- und Pop-under-Fenster, mitwandernde Grafiken etc. auf inhaltlich eigentlich seriösen Websites ärgere, aber nicht auf die Idee gekommen war, dass er das Recht hätte, diese Elemente zu blockieren bzw. herauszufiltern – schließlich finanzierten sich die Websites (zumindest einige) bekanntermaßen durch eben diese Werbung. Folgt man dieser Argumentation, wäre man ja eigentlich auch moralisch verpflichtet, alle ca. 35 Werbespots, die die Ausstrahlung eines Hollywoodfilms auf einem privaten Fernsehsender unterbrechen, anzusehen. Es wäre dann sozusagen nicht in Ordnung, Werbeunterbrechungen zum Toilettengang zu nutzen, denn ohne Einnahmen durch effektive Werbung hätte der Privatsender ja die Ausstrahlungsrechte für den Hollywoodfilm gar nicht erwerben können! Wer also Werbung ignoriert, agiert letztlich unsozial. Wer aber Online-Werbung filtert, ist schlichtweg ein Content-Erschleicher! So jedenfalls argumentierte Web-Designer Danny Carlton im Jahre 2007 (allerdings ging es damals nicht um Proxomitron, sondern um die Firefox-Erweiterung “Adblock Plus”).

Logisch, sobald sich eine Website wesentlich durch Online-Werbung finanziert, ist sie in hohem Maß daran interessiert, dass diese von ihren Nutzern auch wahrgenommen werden kann. Der frei erhältliche Proxomitron-Filter verhindert genau dies. Die Installation ist darüber hinaus nicht allzu schwer, wenn auch für Ungeübte eventuell eine gewisse Hürde. Doch wehe, man hat das Ding erstmal zum Laufen gebracht – nach kurzer Zeit vergisst man einfach, dass die Website XY überhaupt mal Werbung enthielt. Das (nahezu) werbefreie Netz wird “normal”.

Schuld daran, dass Proxomitron, der bereits 1999 von Scott R. Lemmon (1968 – 2004) publiziert wurde, weiterhin so gut funktioniert, ist letztlich einmal wieder der Wissenschaftler Tim Berners-Lee, der in den frühen 1990er Jahren die offene Architektur des World Wide Webs konzipierte. Hätten sich stattdessen die Geschäftsleute Bill Gates oder Steve Jobs des Themas angenommen, müssten wir uns um all diese Dinge heute vermutlich sowieso keine Gedanken machen: allein die Idee, dem Nutzer beim Filtern von Inhalten freie Hand zu geben, wäre den Herren wohl abwegig erschienen.

Sind Proxomitron und seine Verwandten deshalb aber schon “subversiv”? Schon ein kurzer Blick ins WWW zeigt, dass das Thema seit Jahren immer mal wieder hochkocht und streckenweise recht emotional diskutiert wird. Warum Online-Werbung wichtig fürs Web ist und Werbeblocker böse, erklärte Frank Patalong auf SPIEGEL ONLINE im Jahr 2010 so:

Wer Werbung als Belästigung wahrnimmt, sollte sich eines klarmachen: Der Deal, der auch dieses Angebot hier [gemeint ist SPIEGEL ONLINE, S. H.] möglich macht, funktioniert nur, solange nicht zu viele Nutzer die Werbung verweigern. Werbeverweigerer haben die Freiheit kostenlosen Web-Medienkonsums nur, solange sich ihnen nicht zu viele Nutzer anschließen. Steigt der Prozentsatz der Verweigerer zu stark, wird ein Angebot entweder kostenpflichtig oder geht unter. Wann schalten Sie Ihren Werbeblocker ab?

Der Bielefelder Blogger Maurice Sand keilte in seinem Artikel Werbe-Nie? umgehend zurück:

Wer Werbung als Belästigung aufsetzt, wer mit seiner Art der Integration dafür sorgt, dass sich viele Nutzer nicht mehr ohne Adblocker auf die Seiten des eigenen Portals trauen, … der sollte sich eines klarmachen: Der Nutzer ist auf längere Sicht kein Klickvieh, dass widerstandslos alles schlucken wird, was ihm vorgesetzt wird. Er ist der andere Teil, der eure Angebot überhaupt erst möglich gemacht hat.

Fakt ist: Der redaktionelle Inhalt von Webseiten wie Perlentaucher oder SPIEGEL ONLINE stand und steht in teilweise so krassem Widerspruch zum Niveau der Werbeeinblendungen, die sich mir dort ungefragt aufdrängen, dass ich mich schon aus Gründen der Lesbarkeit gezwungen sah, hiergegen etwas zu unternehmen (Das gilt übrigens auch für die Print-Ausgabe des SPIEGELs, die ich immer als erstes von allen eingelegten Prospekten, eingeklebten Antwortkarten und sogar eingehefteten Sonderseiten befreie – erst dann erscheint mir das Heft “gebrauchsfertig”. Bin ich ein Sonderling?). Beispiel von heute: “Sie sparen bis zu 40%! Jetzt buchen und sparen! Viel Winter-Urlaub für wenig Euro!” (Perlentaucher). “Gesucht. Geklickt. Gefunden. Von welchem Zuhause träumen Sie? Ihr Immobilienportal. Willkommen zu Hause” (SPIEGEL ONLINE).

Ich betrachte es schlicht als Gewinn von Lebensqualität, dass Proxomitron mich vor derlei dämlicher Anmache, der ich, sobald ich aus dem Haus gehe, durch Plakatwerbung ohnehin pausenlos ausgesetzt bin, wenigstens beim WWW-Browsen einigermaßen schützen kann. Für mich erhöht sich dadurch die Attraktivität der erwähnten Websites beträchtlich und ich besuche sie öfter und unbeschwerter.

Dafür möchte ich jetzt einfach mal danke sagen.

Abschließend zwei unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche Szenarien, deren Folgen mich wirklich interessieren würden:

(1) Proxomitron (oder etwas Vergleichbares) wird in die nächste Version von Firefox integriert und jedermann kann ab sofort einen Großteil jeglicher Online-Werbung problemlos filtern.
(2) Lobbyisten erreichen, dass die Verwendung von Werbeblockern in Zukunft generell unter Strafe steht, weil sie die freie Entfaltung des Unternehmertums behindere.

P.S. Der Verfasser steht in keiner persönlichen oder geschäftlichen Verbindung mit Proxomitron.

“2006″

“2006″ is an orchestral composition for Strings, Brass, 2 Pianos and 2 Marimbas. It consists of almost pure contrapunctual minimal music in the tradition of Steve Reich. The music was desktop-composed in spring and summer 2006 using a MIDI Keyboard and a sequencer. The photographs were associated freely to support the musical content.