Weltsicht aus der Nische

Bürger, Musiker, Komponist (autonom, aber vernetzt)

«HarpsiLog 1» für Cembalo

 

Kompositionsnotiz (Selbstbeobachtung)
Das Ausgangsmaterial für diese Komposition war der PianoLog vom 15. März 2004, meinem ersten PianoLog überhaupt (Ein “PianoLog” ist eine freie Improvisation auf einem MIDI-Keyboard, auf dem Klavier-Samples liegen. Sie wird mit dem Konzept “Dies ist jetzt eine Echtzeit-Komposition” eingespielt.). Jedesmal, wenn ich diesen Log später hörte, fiel mir die Musik von William Byrd für das sogenannte “Virginal” (was nichts anderes ist als eine schlichte Spielart des Cembalos) ein. Das ist nicht weiter verwunderlich, gehören dessen “Pavans and Galliards” doch seit Jahrzehnten zu meiner Lieblingsmusik. Vielleicht – das weiß ich nicht mehr genau – hatte ich vor Einspielung des PianoLogs 2004-03-15 gerade Byrd gehört oder so.

Warum also nicht den PianoLog 2004-03-15 nach 10 Jahren zum HarpsiLog 1 umarbeiten? Gesagtgetan. Der Aufwand war nicht sonderlich groß, beachtet werden mussten lediglich

  • der geringere Tastenumfang eines Cembalos (hatte Oktavtranspositionen zu hoch bzw. zu tief liegender Töne zur Folge)
  • die Tatsache, dass ein Cembalo keine Anschlagsdynamik besitzt (hatte hier keine Veränderungen im Notentext zur Folge)
  • die Tatsache, dass ein Cembalo kein Haltepedal besitzt (ausgeglichen durch Veränderungen in der Stimmführung)

Realisiert habe ich die Musik mithilfe der Freeware GrandOrgue, auf der die ebenfalls kostenlos downloadbaren Samples eines französischen Cembalos aus dem frühen 18. Jahrhundert laufen.

“Improv 2014 (Peitz)” ist draußen…

…und in HD-Qualität bei Vimeo zu streamen bzw. herunterzuladen:

 

“Improv 2014 (Peitz)” ist eine 20minütige Filmdokumentation über das Selbstverständnis improvisierender Musiker, die ich mit dem Filmemacher Ralf Schuster während der diesjährigen jazzwerkstatt Peitz gedreht habe. Sie enthält Interviews mit Hamid Drake, Wayne Horvitz, Friedhelm Schönfeld und Gebhard Ullmann.

Nebenan bei Dennis Schütze gibt’s schon eine kleine Einschätzung:

Es wäre wünschenswert, dass die Filmdokumentation in Festivals und durch Empfehlungen im Netz auch ein breiteres Publikum erreicht. Sollte für alle Musiker und Musikinteressierte lohnenswert sein, weil der Dokumentation ein seltener Einblick in eine manchmal etwas abseitig positionierte musikalische Kunstform gelingt.

«tricky [money jungle 08]»

Samples: SD-80, ADHS-Beats: WWW, Entstehungsjahr: 2004 / electronica

Trotz des gleichlautenden Titels ist dieses Stück keine Hommage an die britische Trip-Hop-Ikone, deren Musik ich sowieso nicht kenne. Vielmehr fiel mir während der Arbeit an dem Stück auf, dass es wohl ziemlich “tricky” (im Sinne von “vertrackt”) werden würde – und das wurde es dann auch.

Eigentlich ging es die ganze Zeit darum, kommerziell im Internet erworbene MIDI-Beat-Fragmente, die mir als “Drum and Bass” bzw. “Jungle” angedreht worden waren, in einer möglichst, äh, “authentischen” Genre-Komposition musikalisch verwertbar zu machen. Doch vieles von dem Material war rhythmisch derart verdreht, dass es mich eher an – nun ja – “Neue Musik” erinnerte (Xenakis und so).

Ein interessanter semiotischer Pfad: Afro-karibische britische Musiker entwickeln in den 1990er Jahren einen genuinen Electronica-Style von hoher rhythmischer Komplexität, “Jungle” eben. Dieser wird dann, nachdem er sich als kommerziell halbwegs erfolgreich erwiesen hat, irgendwann von (vermutlich weißen Mittelstands-Kids) als Standard MIDI File abstrahiert und als musikalisches “Halbzeug” verkauft. Ich wiederum verwende diese bereits komplett entfremdeten Bausteine labormäßig (d. h., als MIDI-Simulation) in einer, nun ja, eben kontingenten Rekonstruktion dessen, was ich mir als in den 1960er Jahren geborener süddeutscher Provinzbewohner unter “Jungle” bzw. “Reggae” so vorzustellen imstande bin.

Im Abstand von 10 Jahren finde ich «tricky [money jungle 08]» immer noch ziemlich “tricky”, d. h. kopflastig (will sagen: konstruiert), es ist nun wirklich nichts zum Mitgrooven, aber – auf seine Weise – war es doch o.k. Man darf es aber nicht als “absolute Musik” hören, vielmehr ging und geht es mir darum, mit musikalischen Mitteln herauszuarbeiten, wie so etwas wie musikalische Bedeutung entsteht (bzw. vergeht). In diesem – zugegeben eher intellektuellen – Kontext ergibt «tricky [money jungle 08]» für mich als eine Art “Esssay ohne Worte” bis heute Sinn. Und es spitzt – wiederum auf seine Weise – die zeitlos gültige Frage nach musikalischer Authentizität schon ziemlich zu, oder?

Seemanns “Neues Spiel” ist draußen…

kontrollverlust…und hier zu kaufen bzw. kostenlos herunterzuladen. Ich bin grade am Lesen und recht begeistert. Bis zur Rezension dauert’s aber noch ein wenig, da ich derzeit erkältungsbedingt das Bett hüten muss und recht wenig intellektuelle Energie verspüre.

Verweise deshalb auf meinen Artikel aus dem Januar diesen Jahres, der die Kernthesen dieses Sachbuchs in eigenen, etwas zugespitzten Worten zusammenzufassen versucht.

(Ok, vorab soviel: Das Buch ist gelungen, die Sprache klar, die Argumentationen überzeugend. Weitschweifigkeiten fehlen – was will man mehr?)

Und jetzt wieder ins Bett, mit Kamillentee und Lutschpastillen :-(

Impression (Würzburg), 2014

Impression (Würzburg), 2014

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