Feinbergiana 02

(Publiziert 1916.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] Süß, „Weiblichkeit“, perfekt, heißes Glücksgefühl. Selbiges „unendlich“ auskostend wollend, dabei um dessen unvermeidliche Endlichkeit wissend. Hektik, immer wieder zu hektisch, um wirklich genießen zu können. Sich überschlagend im Glück, also nicht wirklich vollkommen glücklich. Sich selbst unterbrechend, immer wieder; sich verschluckend. Innere Wellen von halbverstandener, halb analysierter Empfindung. Intensive Selbstbeobachtung. Gelegentlich durchaus „argumentativ“, dann wieder komplett unkonzentriert. Sich wieder „zusammenreißend“. Der Wille zum Idyll. „Ich bin nicht fähig zum Glücklichsein, aber ich will es dennoch sein.“ Ab 4:20 deutlich ärgerlich, verärgert, sauer, zerrissen, verstört. Erinnerung an „Thema I“, aber dieses schon halb vergessen. Die eigene Erfindung vergessen, wie peinlich ist das denn? Stochern im Nebel. Ab 5:30 vergeblicher Versuch einer „geordneten“ Variation von Thema I. Ab 6:20 endlich ein Einfall, wenn auch kein besonders origineller. Den Einfall ein bisschen variierend, durchexerzierend, ohne große Lust. Gegen 7:30 bleibt ein völlig verkehrter tiefer Ton einfach liegen und deutet auf eine im Hintergrund lauernde kognitive Dissonanz hin. Ab ca. 8:00 so etwas wie Resignation. „Ich kann es nicht greifen, weil es eben ungreifbar ist.“ Depressiver Schluss.


Konzept und Inhaltsverzeichnis des Projekts „Feinbergiana“

Feinbergiana 02

4 Gedanken zu “Feinbergiana 02

  1. Volker schreibt:

    MannMannMann! Da ging es mir doch glatt wie Bernhard mit dem „Medialismus“, dass ich erst mit Verspätung mitbekam, was das mit Deinem „Feinbergiana“-Konzept auf sich hat, liegt wahrscheinlich daran, dass jetzt im zweiten Hörprotokoll mit „Weiblichkeit“ ein Pawlowscher Reflex bei mir ausgelöst und das Interesse geweckt wurde😉. So habe ich mir umgekehrt beim Lesen anhand Deiner in Worte gefassten Hörempfindung schon eine kleine Vorstellung von der Musik gemacht. Eine Vorstellung, die ich jetzt, nach Feierabend zu Hause hörenderweise überprüfen wollte und ja, ich konnte Deinem Empfinden folgen. Ob ich selbst das alles auch so empfinden würde (wenn ich mich Deinem Konzept folgend so intensiv mit dieser Musik beschäftige und quasi ein eigenes Protokoll entwerfe), kann ich aber nicht sagen, weil ich fürchte, nicht die Zeit dafür zu haben. Trotzdem fasziniert mich dieser Gedanke des Hörprotokolls, die Gefühle in Worte zu fassen, weil mir das seit einiger Zeit ganz allgemein ein Bedürfnis ist, für meine Gefühle Worte, ähm also die „richtigen“ Worte zu finden. Erst einmal nur für mich selbst, aber natürlich auch für die Menschen, die sich für mich interessieren🙂 Daher auch völlig verdient von mir fünf Sterne und ich seh zu, dass ich mich, sobald ich dazu komme, mit Feinbergiana 01 beschäftige…

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  2. @Volker: Schön, dass du „dabei“ bist🙂 Ich habe das Feinbergiana-Konzept und das Protokoll für die Sonate #1 allerdings erst heute eingestellt, du konntest also noch gar nichts darüber wissen (ich wollte unbedingt verg. Montag mit dem Projekt anfangen, Protokoll 1 war aber noch nicht fertig, also hatte ich nur das YouTube-Video eingestellt).

    Interessant ist die Frage, ob du überhaupt noch in der Lage wärst, ein „unvorbelastetes“ Protokoll zu erstellen, nachdem du das meine gelesen und verinnerlicht hast. Ich behaupte: Nein. Nicht, weil ich so super-suggestiv schreibe, sondern (und das weiß ich jetzt wieder aus langjähriger Selbstbeobachtung) alle Vorab-Informationen über ein noch unbekanntes Kunstwerk in die erstmalige persönliche Begegnung mit diesem einfließen. Man kann einmal Gewusstes, unabhängig, wie man es beurteilt, schlicht nicht mehr nicht wissen wollen. Das ist offenbar physiologisch unmöglich (Sonderfälle wie Amnesie nach Hirnschädigung mal ausgeschlossen). Auch aus diesem Grund habe ich ja gerade Feinberg gewählt: Der Hörer hat hier schlicht null Vorwissen (außer evtl. ein paar Super-Spezialisten in Moskau oder so.).

    @alle: In diesem Sinne wäre es natürlich von hohem Erkenntniswert, alternative „semantisierende Echtzeit-Hörprotokolle“ (sEHPs) zu erhalten (noch haben wir ja 10 Sonaten vor uns), einerseits von ProtokollantInnen, die die Musik überhaupt zum ersten Mal hören, andererseits von ProtokollantInnen, die vorher mein Protokoll gelesen haben etc. (hier wären diverse Varianten möglich).

    Nochmal zu Erinnerung: Ich bin nicht naiv, mir ist klar, dass der Inhalt dieser Protokolle in extremer Weise vom Vorwissen des Protokollaten abhängt, bsp.weise wird ein pianistisch erfahrener Protokollant auf den technischen Schwierigkeitsgrad der Partitur achten, dem Nicht-Instrumentalisten wird das egal sein. Der an Aufnahmetechnik Interessierte wird sich evtl. Gedanken über die verwendete Mikrofonierung machen, der musikhistorisch Beschlagene wird stilistische Ähnlichkeiten zu Skrjabin, Medtner oder Rachmaninoff suchen und finden, der popsozialisierte „Einfach-mal-so-Hineinhörer“ wiederum wird sich evtl. hauptsächlich langweilen etc. All das ist erwartbar. – Aufschlussreich wird es da, wo „semantische Schnittmengen“ zwischen den einzelnen sEHPs feststellbar sind (im Sinne von „Sonate X empfinde ich als ausgesprochen trist / fröhlich / verzweifelt / euphorisch / … „). Hier könnte man dann – unter starken Vorbehalten – von „objektiven Gehalten“ der Musik sprechen (allerdings gerade nicht im Sinn der Lehmann’schen Gehaltsästhetik).

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  3. Volker schreibt:

    @Stefan: Heil Dir, mein Manipulator😉 Genau das steckt zwischen meinen Zeilen, dass Dein Hörprotokoll mein Empfinden – hm – nein ich will noch nicht so weit gehen, „determiniert“ zu schreiben, aber es stimmt, „unvorbelastet“ wäre das Protokoll ganz gewiss nicht.
    Deinen Aufruf an @alle kann ich nur unterstützen, denn da bin ich auch neugierig, wie es andere empfinden – ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass ich – bin ja nun auch keine zwanzig mehr – mit bestimmten Musikstücken (insbesondere handelsüblichen Pop-Songs der achtziger Jahre) ganz bestimmte Erinnerungen verknüpfe und dass es anderen Menschen meines/unseres Alters auch so geht. Kurioserweise geht es mir z.B. mit der Musik von Steve Reich überhaupt nicht so – wenn ich das höre, habe ich je nach „Tagesform“ immer wieder andere Assoziationen. Na jedenfalls bin ich jetzt mal auf die nächsten 10 Feinbergianae gespannt.

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  4. @Volker: Apropos Reich. In der arte-Mediathek gibt’s grade eine getanzte Version der kompletten „Music for 18 musicians“ (entstanden 2001) der „belgischen Pina Bausch“ A. T. De Keersmaeker (die sich – das wusste ich auch noch nicht – bereits seit den frühen 1980ern an der tanztheatralischen Umsetzung des Reich’schen Oeuvres versucht). Bitte nicht irritiert sein: De Keersmaekers Stück heißt „Rain“, letztlich ist es aber nichts anderes als eine 1:1-Umsetzung von Reichs Originalkomposition:

    http://www.arte.tv/guide/de/054785-000/rain

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