Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

Wie angekündigt nun also einige Anwendungen Elias’scher Erklärungsmodelle auf Phänomene der Jetztzeit. Das wird unangenehm – Triggerwarnung: verwilderte Tischsitten, Sexismus, Rassismus –, aber da müssen wir jetzt durch, FreundInnen der Weltsicht:

1 Auslachfernsehen
2 Maskulismus
3 Rechtsintellektualismus

Wenn euch weitere Beispiele einfallen, nur zu, genau dafür besitzen Blogartikel die Möglichkeit, zu kommentieren.

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1 Auslachfernsehen

Sich öffentlich entzivilisierende Frauen im privaten deutschsprachigen Auslachfernsehen

Bei Elias‘ Thematisierung von Scham- und Peinlichkeitsschwellen muss ich stets an das Phänomen „Dschungelcamp“ denken sowie die Tatsache, dass es mir höchst unangenehm ist, derartige Dinge anzusehen, während sich andere offenbar ohne Reue daran ergötzen können. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich bin kaum in der Lage, Schadenfreude zu empfinden, wenn ich anderen Menschen beim Blamieren bzw. Scheitern bzw. beim Sich-Überwinden zusehen muss. Ich kann mir gut vorstellen, was Schadenfreude ist, aber bei mir stehen bei Beobachtung solcher Situationen stets andere Emotionen wie Entsetzen, Mitleid, Ekel, Furcht oder häufig auch Wut („Was für eine Idiotin, sich ohne Not in diese Lage zu bringen!“) im Vordergrund. Ich sage das nicht, um virtue signalling zu betreiben und es macht mich in keinster Weise schon zu einem besseren Menschen, nur weil ich praktisch keine Schadenfreude empfinden kann. Auch habe ich von dieser Unfähigkeit keine gesellschaftlichen Vorteile, im Gegenteil, sie schließt mich von sehr vielen kollektiven Vergnügungen (Besuch von Boxkämpfen, Wrestling-Veranstaltungen etc.) aus, was ich lange Jahre als persönliches Defizit empfunden habe, heute allerdings nicht mehr.

In Elias‘ Terminologie formuliert, erschafft das „Dschungelcamp“ eine Gesellschaft mit extrem verkürzten Interdependenzketten und einem entsprechend geringeren Erfordernis von Selbstkontrolle. Scham- und Peinlichkeitsschwelle sinken beträchtlich ab, während die Impulsivität der Beteiligten von der Kette gelassen wird. Die Tischsitten vergröbern sich, Sexualität und Gewalt werden weniger verborgen ausgelebt als gemeinhin üblich, die Tabuisierung des Abjekten lockert sich. Dennoch, zu behaupten, dies sei doch viel ehrlicher und deshalb besser als die sonst übliche Verlogenheit in der Gesellschaft wird nur, wer noch nie ernsthaft köperlich misshandelt oder gar vergewaltigt wurde. Aber genau das trifft ja heutzutage im Durchschnitt für mehr Menschen zu, als dies vermutlich jemals der Fall war. Und so erklärt sich die Popularität des Zivilisationslabors Dschungelcamp vor allem bei Menschen mittleren und jüngeren Alters ohne (unfreiwillige) Gewalterfahrung. Die inszenierte Umkehrung der Richtung des Prozesses der Zivilisation – wer die Selbstkontrolle aufrechterhält, unterliegt im Ausscheidungskampf – wird von ihnen als unterhaltsam empfunden, weil sie ihnen in der Realität niemals begegnet ist. Das Dschungelcamp simuliert einen die eingezwängte Einzelne entlastenden Entzivilisierungsschub, wie ihn während der Nachkriegszeit vermutlich nur Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, die Schlammbäder von Woodstock oder das Oktoberfest leisten konnten.

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2 Maskulismus

Psychologisierung? Rationalisierung? Befriedete Räume? Bushido ist komplett gestresst von der Länge heutiger Interdependenzketten

„Befriedete Räume“ (Elias) haben sich sehr stark ausgeweitet. So werden bsp.weise früher ignorierte Mikroaggressionen nun thematisiert oder bisher als geringfügig geltende sexuelle Belästigungen strikt geahndet. Die allgemeine Einübung der Menschen in „beständiges und genau geregeltes An-sich-halten“ (Elias) scheint vor allem seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts deutlich an Fahrt aufgenommen zu haben.

Die aus biologischer Notwendigkeit heraus aggressiveren Männer haben das je nach individueller Veranlagung als mehr oder minder beeinträchtigende Zunahme von Zwang und Unfreiheit wahrgenommen. Der diffuse, aber globale und chronische Trend zu maskulistischen Verhaltensweisen ist eine zwar primitive und durch und durch reaktionäre, aber nicht zu ignorierende, weil auf globalem Level erlebbare, Antwort auf diese Ausweitung.

Dazu zähle ich bsp.weise die nicht selten absurd übersteigerte Brutalität vieler vor allem von Jungs bevorzugter populärer Computerspiele, Gangsta-Rap, Pickup artists oder auch den flächendeckenden Zynismus der ebenfalls extrem jungslastigen globalen Nerd-Kultur, von bereits älteren, aber andauernden Phänomenen wie Risikosport, dem Action-Film oder frauenfeindlicher Pornografie ganz zu schweigen. Weiterhin fällt die gar nicht so seltene freiwillige Unterwerfung komplett westlich sozialisierter Männer unter autoritäre archaische Religionen (islamischer Fundamentalismus, evangelikales Christentum) oder futuristische Sekten (Scientology, Raelismus) ins Auge.

Maskulismus kann demzufolge prozesssoziologisch ebenfalls als vor allem den Einzelnen entlastendes Entzivilisierungsphänomen beschrieben werden. In einer immer granularer verwaltbareren Welt inkl. political correctness und emanzipierten Frauen werden traditionelle männliche Fähigkeiten und Bedürfnisse wie etwa aggressive Revierverteidigung, das leidenschaftliche Jagen und Töten von Beutetieren und Feinden der eigenen Familie, Herrschen durch Muskelkraft und Promiskuität nicht nur nicht mehr gebraucht, sie stellen ein Problem dar. Dabei ist der Hauptgegner des Maskulisten gar nicht so sehr die emanzipierte Frau, sondern die Allgegenwart granular befriedeter Räume, die unablässig zum An-sich-halten gemahnen. Denn jede Verletzung dieser Räume macht den Maskulisten unweigerlich zum Verlierer im Ausscheidungskampf und das kann ein Mann bekanntlich am wenigsten ertragen.

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3 Rechtsintellektualismus

Im virtuellen Dialog: Die Rechtsintellektuellen Jünger (li) und Kubitschek (re) [Bildmontage SH]
Was den Rechtsintellektuellen mit dem Maskulisten verbindet, ist sein Hass auf befriedete Räume, aber im Gegensatz zum Maskulisten macht er sich nicht gerne die Hände schmutzig. Maskulistische Grobmotoriker, die der feinsinnige Rechtsintellektuelle im Grunde seines Herzens verachtet – wie etwa Teile der späteren NS-Elite die SA verachtete und deren homosexuellen Gründer Ernst Röhm folgerichtig ermorden ließen –, dürfen ihm aber durchaus gerne als nützliche Idioten bzw. willige Vollstrecker seines Masterplans dienen.

Rechtsintellektualismus ist eine contradictio in adjecto, also ein in sich widersprüchlicher Ausdruck wie „rötliches Grün“, denn der Rechte betrachtet sich eigentlich als natürlichen Feind jeglichen kritischen Denkens, welches ihm stets Symptom von Anomie ist. Gesellschaftskritiker stehen bei ihm im Generalverdacht, lediglich Kritikaster, also substanzlose und eitle Nörgler, zu sein. Es müssen also schon besondere Verhältnisse vorliegen, wenn sich Rechte dezidiert als public intellectuals und damit als Gesellschaftskritker von rechts inszenieren – und zudem damit Erfolg haben.

Ob vor 1900 auch schon rechtsintellektuelle Bewegungen reüssierten, habe ich nicht recherchiert, aber im 20. Jahrhundert gab es definitiv die Konservative Revolution, deren bis heute prominentester Vertreter der Schriftsteller und selbsternannte Anarch Ernst Jünger gewesen sein dürfte. Sein Analogon in der Gegenwart ist der Verleger Götz Kubitschek mit seinem Antaios Verlag. 1 

Ein Topos des Action-Films der „Rambo“-Tradition ist die Unfähigkeit von Apparatschiks, angesichts einer Notlage sofort die für jedermann offensichtlich erforderlichen Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dabei, so das Narrativ, können die BürokratInnen nicht etwa nicht handeln, weil sie nicht wollen, sondern weil das verrottete System sie daran hindert. Also sieht sich der Anarch, der seinen gesunden Menschenverstand noch nicht verloren hat, seinerseits gezwungen, zu handeln – was ihn vom Anarchisten, der einfach nur Chaos um des Chaos‘ Willen will, unterscheidet. Der Anarch sieht sich in der Verantwortung, seine Motivation ist eine intrinsische. Letztlich will er die Dinge wieder ins Gleichgewicht bringen. Er meint es nur gut. Er ist kein Revoluzzer, sondern ein rötlich-grüner Revolutionär wider Willen.

Folgt man der Logik von Elias, liegen die zivilisatorischen Ursachen des Rechtsintellektualismus klar auf der Hand: Sowohl das frühe wie das späte 20. Jahrhundert waren von substanziellen Zivilisierungsschüben geprägt, die jeweils ein rapides Ansteigen gesellschaftlicher Scham- und Peinlichkeitsschwellen zur Folge hatten. Insbesondere politisch wie kulturell konservative und traditionsgebundene Individuen fühlen deshalb zunehmendes Unbehagen in der Kultur und suchen immer verzweifelter nach einer Gegenwelt, die von den neuartigen gesellschaftlichen Zwängen und der verhassten Notwendigkeit des permanenten An-Sich-Haltens mehr oder minder frei ist. Bei Jünger, Soldat im Ersten Weltkrieg, wie Kubitschek, Soldat im Jugoslawienkrieg, ist dies die Welt des Krieges, der so quasi zum Dschungelcamp des Rechtintellektualismus avanciert.

Das klingt lustiger, als es gemeint ist. Denn in Krieg wie Dschungelcamp hat sich die Richtung des Zivilisierungsprozesses umgekehrt (siehe Abschnitt 1), zur Rück- und Umsicht gemahnende Interdependenzketten erscheinen verkürzt oder unterbrochen, es herrschen Plötzlichkeit (KH Bohrer) und allgemeiner Vertrauensverlust, so dass Formen deliberativ legitimierter Gewaltausübung tendenziell zu umständlich, zu langwierig und der Dringlichkeit der Lage nicht angemessen erscheinen.

Anti-deliberatives NS-Hassplakat, fotografiert 2014 im Museum Peenemünde (MeckPomm) vom Blogbetreiber

Folglich sieht es der Rechtsintellektuelle als eine seiner Hauptaufgaben an, die aktuelle soziale Situation als akute Notlage zu beschreiben. Er ist der geborene Alarmist. Denn wie jeder weiß, erfordern außergewöhnliche Situationen ansonsten verbotene Gegenmaßnahmen, was natürlich vor allem die Anwendung von Gewalt meint.

Bei Jünger, Kubitschek sowie den Philosophen Carl Schmitt und auch Martin Heidegger 2  kommt diese krude Hintergrunderzählung allerdings oft derartig verklausuliert und verschleiert daher, dass man, von der intellektuellen Brillianz dieser Autoren geblendet, nicht wirklich mitbekommt, auf was das ganze Argumentieren eigentlich herausläuft. Aber ganz am Ende – so meine Erfahrung – steht immer die gleiche Mär: Wir fühlen uns von der Dekadenz einer Zuvielisation in vollkommen unerträglicher Art und Weise gedemütigt, geknechtet und moralisch beschmutzt, also lasst uns lustvoll ins reinigende Stahlgewitter (Jünger) des Krieges eintauchen, der bekanntlich Vater aller Dinge (der Vorsokratiker Heraklit) ist und so neue Kraft gewinnen. Wir sind alles andere als Apokalyptiker und Gewaltverherrlicher, wir tun lediglich das historisch Notwendige. Lasst uns zerstören, um aufzubauen!

Oder, mit Elias formuliert, lasst uns subtile Innenzwänge durch grobe Außenzwänge ersetzen, damit wir uns ohne schlechtes Gewissen jeglicher Scham und Peinlichkeit entledigen können. Mit anderen Worten, lasst uns eigentümlich frei werden.


 

1 Es geht hier um eine figurative Analogie, nicht um einen literarischen Vergleich.

 

2 Heideggers Existenzialontologie enthält bei aller Apotheose vorsokratischer bzw. quasi-buddhistischer Beschaulichkeit deutliche, wenn auch sorgfältig kaschierte Züge von Zivilisationsekel bzw. -überdruss. Es ist aber nach meinem Kenntnisstand keine Philosophie, aus der eine Rechtfertigung entzivilisierender Gewalt direkt ableitbar wäre.

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Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

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4 Kommentare zu „Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

  1. Plausible Anwendung des „Theorieteils“ aus Teil 1. Man kann sehr vielen Medien eine entzivilisierende Entlastungsfunktion zuschreiben. Jedes Fantasy-Computerspiel, in dem man Monster tötet, gehört dazu (schon die Vorstellung, dass man einem Monster heldenhaft entgegentritt, aktiviert vorzivilisatorische Ideen). Oder jede Fernsehserie, in der Gewalt zur Lösung von Problemen genutzt wird, zwischen Tatort und Game of Thrones.

    Ob es übrigens für die Aussage deines Artikels am Ende unbedingt nötig war, Hr. Kubitschek „Brillianz“ zu unterstellen (auch wenn er unter seinesgleichen vielleicht so gesehen werden mag, keine Ahnung) sowie das schreckliche EF nicht nur zu erwähnen (klar, der Name bietet sich an, zitiert zu werden), sondern zu verlinken (da sehe ich den Gewinn nicht, außer dass man sich schon mal wieder davor fürchten kann, was geschieht, wenn diese Leute oder deren Verbündete irgendwann die Regierung stellen sollten) .

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  2. @Mario Donick: Danke für’s Feedback. Und ich muss dir recht geben: Zuviel der Ehre für Herrn Kubitschek, unglückliche Satzkonstruktion meinerseits! – Und auch mit deiner Erwährung des „ef“-Links hast du bei mir etwas angestoßen Ich hatte ja schon vor einiger Zeit einen Artikel über die Umtriebe der Identitären Bewegung publiziert und dabei auch auf deren Homepage verlinkt. Als ich etwas später meine Blog-Statistik durchsah, war ich darüber erschrocken, dieser Homepage damit zusätzlichen Traffic beschert zu haben und kam mir plötzlich entsetzlich dumm vor, denn dazu sind Links schließlich da. Also, neue Regel: Keine Verlinkung fragwürdiger Seiten mehr. Wen die Seiten, z. B. aus Gründen der Recherche, interessieren, der wird sie sowieso finden…

    Danke nochmals für die konstruktive Kritik!

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  3. Sowas ist sicher nicht ganz einfach zu entscheiden. Und der letzte Satz deines Beitrag gewinnt seine Wirkung gerade daraus, dass der Link da ist.

    (Ich kann das mit der Wirkung jetzt gerade nicht vernünftig erklären, da müsste ich erstmal in textlinguistische Bücher zum Thema Hypertext gucken. Grob hat es damit zu tun, dass der Link eine Schreibweise erlaubt, die ohne Anführungszeichen und ohne zusätzliche Erklärung auskommt. Dadurch wirkt der Satz anders als wenn mit Anführungszeichen oder Erklärungen gearbeitet würde…)

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