Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“)

Endlich komme ich dazu, das erste Buch des 37-jährigen, in Berlin lebenden Kulturwissenschaftlers Michael Seemann, für das ich in der Weltsicht so ausgiebig die Werbetrommel rührte, nun auch ebenso ausgiebig zu rezensieren.

seemannFür Ungeduldige das Fazit vorweg: Es ist ein gutes, hellsichtiges und unbequemes Buch geworden, das sich vor den mulmigen Fragen, denen sich gerade der sogenannte „Netzaffine“ derzeit gegenübersieht, nicht herumdrückt. Für die internet-ferne oder gar internet-skeptisch gesinnte Leserin bietet es dennoch keinen Trost. „Das Neue Spiel“ (ich weiß immer noch nicht, ob das eine Anspielung auf Roosevelts „New Deal“ sein soll, was aber letztlich auch nicht so fürchterlich wichtig sein mag) verbindet in überzeugender Weise u- und dystopische Thesen über den aktuellen sowie den in den nächsten Jahren bevorstehenden soziokulturellen und – vor allem – politischen impact des Internets. Es ist aber keine „Netztheorie“ und nicht einmal im engeren Sinn kulturwissenschaftlich, sondern das öffentliche Räsonieren eines durch und durch politischen, der Piratenpartei nahestehenden, Kopfes, der sich vorgenommen hat, so illusionslos wie möglich darüber nachzudenken, wie es denn nun weitergehen soll. Legt man diese Maßstäbe an, ist „Das Neue Spiel“ sehr gelungen.

*

Die Wege der Daten sind unergründlich.

(M. Seemann, „Das Neue Spiel„, S. 30)

…und bleiben es auch, trotz aller Anstrengungen alter und neuer Dispositive (sprich: der Institutionen und der Sozialen Netzwerke), die Zahnpasta in die Tube zurückzuquetschen. Dieser „Kontrollverlust“ sei aber keineswegs eine „Spezialität des Digitalen“, so Seemann:

Stattdessen liegt sein Kern in der spezifischen Struktur von Information selbst. Genauer: in der Irreversibilität der Mitteilung, die übertragen wird.

(M. Seemann, a. a. O., S. 17)

Im Licht dieser Erkenntnis wird plausibel, warum Internet-Skeptiker bis heute das WWW als bloßen Gerüchtedurchlauferhitzer verunglimpfen – so ganz falsch ist das nämlich gar nicht. Das nachhaltig Irritierende einer Welt-mit-Internet ist nämlich – das sind meine Gedanken jetzt – weniger deren penetrante „Vernetztheit“ – die gab’s immer schon, mehr oder weniger -, sondern die Tatsache, dass Geheimhaltung nicht mehr so richtig zu funktionieren scheint. Und dann ist es wie immer, wenn etwas oder jemand stirbt: Erst danach wird klar, welche Bedeutung sie, er oder es hatte.

„Geheimhaltung“ muss hier so umfassend wie möglich verstanden werden: als Diskretion, Staatsgeheimnis, Privatsphäre, Steuergeheimnis, Kulturtechnik, politische Hinterzimmerabsprache, Patent, Rezeptur. Nun, all diese „Geheimnisse“ tragen dazu bei, die Gesellschaft überhaupt erstmal zu formen. Diese bisherige Ordnung der Dinge, so Seemann, steht nun aber beunruhigenderweise zur Disposition:

Ob wir das gut finden oder nicht, Staat und Internet sind strukturell schwer zu vereinbaren und reiben sich immer heftiger aneinander. Internet und Staat geraten immer mehr in Systemkonkurrenz.

(M. Seemann, a. a. O., S. 216)

Wer nun „Jetzt übertreibt er aber!“ ausrufen möchte, soll sich Seemanns Argumente lieber noch mal ein bisschen genauer ansehen. Er behauptet freilich nicht, dass „das Internet“ „die Staaten“ zum Verschwinden bringen wird – aber:

Sie werden … eine zunehmend nebensächlichere Rolle im Neuen Spiel spielen. Sie werden nicht mehr der primäre Adressat für Politik sein.

(M. Seemann, a. a. O., S. 142)

Schon heute, so Seemann, wird allmählich klar, dass der Staat, indem er an der Verdatung der Welt partizipieren muss (kürzlich machte ich meine Einkommenssteuererklärung über ElStEr, ohne auch nur einen Buchstaben zu Papier zu bringen), ganz allmählich zur – und jetzt kommt ein Seemann’scher Zentralbegriff – „Plattform“ wird. Damit der Staat sein Gewaltmonopol überhaupt aufrechterhalten kann, müssen sich hoheitliche Aufgaben mehr und mehr durch das Nadelöhr des Internets hindurchquälen. Der Staat hat aber kein eigenes Internet – er muss sich also wohl oder übel den Regeln des bestehenden unterwerfen. Angela Merkels viel belächeltes Diktum „Das Internet ist für uns alle Neuland“ bekommt so ein ganz anderes Gewicht.

Wie exakt Seemann „Plattform“ definiert, ist mir nicht ganz klar. Facebook jedenfalls wird im Verlauf des Buches mehrfach als solche benannt, aber auch Weblogs wie dieses oder der Mikroblogging-Dienst Twitter. Plattformen wären demnach internet-basierte Soziale Netzwerke, deren markanteste neuartige Eigenschaft laut Seemann ihre Datenförmigkeit darstellt (Soziale Netzwerke gab es schon immer, aber sie waren nicht daten-, sondern gesprächsförmig, d. h. undokumentiert, vergänglich, schnell vergessen, verschwunden). Facebook ist – in diesem Zusammenhang – nichts anderes als ein historisch beispiellos gigantisches Gesprächsdatensilo, das dennoch auf sehr subtile Weise rasend schnell abgefragt werden kann.

Und schon sind wir beim zweiten Seemann’schen Zentralbegriff: der Abfrage (engl. query). Hier komme ich nicht umhin, einen längeren Absatz aus dem Buch zu zitieren, denn die ganz handfesten politischen Konsequenzen der Etablierung von etwas scheinbar so Esoterischem wie einer Programmiersprache (hier: der Structured Query Language SQL) wurden selten so klar und kompakt dargestellt:

Mit SQL löste sich der Prozess des Abfragens ein großes Stück weit vom Prozess des Speicherns, das machte das Prinzip revolutionär. Was seither mit einer Datenbank möglich ist, wird immer weniger bestimmt von der Ordnung derjenigen, die die Datenbank installieren, strukturieren und befüllen, sondern vor allem von denen, die sie abfragen. Und genau hier – im Moment der Abfrage – findet sich der Urgrund des Kontrollverlustes. Hier kippt die Kontrolle der Ordnung aus den Händen der Schreiberinnen, Sender, Archivarinnen und Gatekeeper in die Hände der Abfragerinnen. Das bedeutet: Wir haben es nicht mit einem neuen Aufschreibesystem zu tun, sondern mit dem Ende der Aufschreibesysteme. Es heißt nicht, dass die Aufschreibesysteme weg sind oder nichts mehr aufgeschrieben wird. Im Gegenteil. Alles wird aufgeschrieben. Aber das bestimmende Moment der Informationsstrukturierung findet nicht mehr beim Aufschreiben statt, sondern bei der Abfrage.

(M. Seemann, a. a. O., S. 59)

Ich weiß, der Begriff „Paradigmenwechsel“ ist aufgrund allzu häufiger Nutzung komplett ausgelutscht, aber dennoch sage ich jetzt mal: Seemann beschreibt hier – in überzeugender und vollkommen unaufgeregter Weise – nichts anderes als einen solchen. Wir rutschen derzeit ganz allmählich aus einer Welt der „Aufschreibesysteme“ (ein Begriff, den der Medientheoretiker  F. Adolf Kittler in den 1980er Jahren in den intellektuellen Diskurs einbrachte) heraus und in eine Welt der „Abfragesysteme“ hinein. Hat man diesen zivilisatorischen shift erst mal in seiner Länge, Breite und Tiefe begriffen und akzeptiert, erschließen sich mannigfaltige Erscheinungen der Gegenwart ein wenig besser – und übrigens auch der Rest von Seemanns Thesen, die dann gar nicht mehr so steil erscheinen.

Seemann wird hier tendenziell zu einer Art „Kafka 2.0“. Dessen Roman „Der Prozess“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt ja in bis heute eindrücklicher Weise die – jetzt mal ganz milde formuliert – eher unangenehme Seite einer durch Aufschreibesysteme, d. h. den Staat und seine Bürokratie, strukturierten Welt. Die durch Abfragesysteme generierte Welt des 21. Jahrhunderts, so Seemann, potenziert und transformiert diese Kafakaeskheit nochmal durch die Möglichkeit, Datensätze (also „das Aufgeschriebene“) in einer Weise miteinander zu verknüpfen, die im 20. Jahrhundert technisch noch nicht möglich war (Big Data):

Die Aussagefähigkeit von Daten wird damit in eine unbekannte Zukunft katapultiert. Weder wissen wir heute, was morgen Daten sein werden, noch wissen wir, was Daten von heute schon morgen aussagen können.

(M. Seemann, a. a. O., S. 37)

Mit anderen Worten, das in den Aufschreibesystemen der letzten 2.000 Jahre angehäufte Wissen wird durch die Ordnung der Query operationalisierbar, es wird – auf allen Ebenen – mobil bzw., in Seemanns Worten, „iteriert“. Über den „Layer“ des Aufgeschriebenen kann nun ein Query-Layer gelegt werden, der es nahezu in Echtzeit zu beliebigen Ad-Hoc-Konfigurationen zusammenstellen und diese Konfigurationen auch speichern (bzw. ausdrucken oder sonstwie „materialisieren“, man denke nur an 3D-Drucker) kann. In meinen Worten: Der Query-Layer (eine uns allen bekannte Form desselben ist bsp.weise Google) generiert content zweiter Ordnung, dessen Struktur aus der des ursprünglich Aufgeschriebenen aber in keinster Weise mehr ableitbar ist. Er stellt also weder eine Variation noch eine Collage von Aufgeschriebenem dar, er ist auch kein objet trouvé, sondern erschließt sich einzig und allein aus der Intention der ihn verursachenden Abfrage.

Umso wichtiger wird es, die Kunst der Abfrage zu beherrschen. In Seemanns Worten:

Die unbekannte Frage ist es, die das Wissen erst strukturiert.

(M. Seemann, a. a. O., S. 198)

Im Licht der Gedanken des Kulturphilosophen Harry Lehmann zu einer „Gehaltsästhetik“ (die Weltsicht berichtete und kommentierte) bekommen diese Gedanken Seemanns eine weitere Facette: Ist „Gehaltsästhetik“ nicht letztlich auch eine (notwendig gewordene!) Form von „Query-Ästhetik“? Angesichts der Iteration des Aufschreibe-Layers durch den Query-Layer – bleibt uns da (als Künstlern) eigentlich eine Wahl, wenn wir nicht in neopostkonservativmoderner Retrosentimentalität versanden wollen? Und – sind Johannes Kreidlers Ideen zu einem „Neuen Konzeptualismus“ in der Musik nicht letztlich der Versuch, eine solche Query-Ästhetik gleich mal konkret künstlerisch umzusetzen (vgl. auch Diederichsens Beschreibung neuerer künstlerischer Praktiken, in denen die überkommenen „sprechaktartigen Bezugnahmen“ immer mehr durch die software-gestützte „Verfremdung bestimmter musikalischer Parameter“ abgelöst werden)?

*

Was tun? (Gedanken zu Seemanns “Neuem Spiel” 2)

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Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“)

11 Gedanken zu “Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“)

  1. gerhard schreibt:

    Die ursprüngliche Daten sollten eigentlich immer aus dem content 2ter Ordnung herzustellen sein. Es sei denn man könnte allzeit den 2ten content nachfahren lassen. Da der 2te content fast nie völlig bzgl seiner Präzision und aussagekraft zufriedenstellen wird, sind die Ausgangsdaten weiterhin noetig und unverzichtbar.

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  2. Schöner Beitrag! Jetzt ist mir auch klar geworden, wo bei mir Zweifel beim Lesen vom „Neuen Spiel“ aufgekommen sind. Ich glaube, eine Prämisse von Seeman stimmt so nicht, die Du oben angeführt hast:
    „Alles wird aufgeschrieben. Aber das bestimmende Moment der Informationsstrukturierung findet nicht mehr beim Aufschreiben statt, sondern bei der Abfrage.“ Weder beim Aufschreibesystem 1800 (Buchdruck), noch beim Aufschreibesystem 1900 (Schallplatte, Rundfunk, Fernsehen) fand das „bestimmende Moment der Informationsstrukturierung beim Aufschreiben statt“, sondern beim Lesen, Verstehen und Interpretieren von Texten, Bildern und Klängen – also ebenfalls schon auf der Seite der ‚Abfrage‘, wenn auch unmittelbar durch das Subjekt. Es gäbe dann keinen Paradigmenwechsel von den Aufschreibe- zu den Abfragesystemen, sondern ein neues Aufschreibesystem – ein Aufschreibesystem 2000 (digitale Medien, Internet) – mit neuen Optionen der Abfrage. Wenn der Einwand stimmt, dann müsste man neu überlegen oder anders argumentieren, dass das „neue Spiel“ tatsächlich ’neu‘ ist.

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  3. @Harry: Danke für die Blumen🙂

    Finde deinen Einwand nicht stichhaltig, denn Seemann negiert ja gar nicht die Existenz eines „Aufschreibesystems 2000“, er sagt nur, es gebe über diesem Aufschreibesystem nun einen Abfrage-Layer (der technisch im 20. Jahrhundert nur in Form von Bibliotheken und physischen Archiven möglich war; diese funktionierten aber anders, nämlich gekoppelt an ihre Inhalte; SQL und verwandte Technologien haben diese Kopplung nun aufgehoben und das ist das Neue).

    Der Abfrage-Layer stellt eine Iteration bzw. eine zusätzliche mediale Verkomplizierung der guten alten Aufschreibesysteme dar, die dadurch ganz zwangsläufig – allmählich – selber zum Medium wird. Irgendwo im Buch nennt Seemann als Beispiel für „Iteration“ Smartphone-Apps: Sie generieren „eigentlich“ keine Inhalte, da es lediglich Schnittstellen sind, um bestehenden Internet-Content auf dem Smartphone bequem zugänglich zu machen. Stück für Stück werden sie genau dadurch aber selber eine Art von „Content“, da viele Menschen den „eigentlichen“, „rohen“ Content des Internets (Texte / Bilder / Klänge) ausschließlich über ihre Apps wahrnehmen möchten (Ich bin kein App-Experte, aber eine App ist ja wohl nichts anders als eine hochspezialisierte Brille, die für mich Internet-Content vormischt, oder? – Google ist das – letzten Endes – natürlich auch, hat aber ungleich universelleren Charakter). Deswegen wird es immer wichtiger, welches Design diese Apps haben, wer sie eigentlich programmiert, auf wessen Gehaltsliste dieser Programmierer steht etc. Der entscheidende Filter vor dem guten alten, weiterhin exisierenden lesenden, verstehenden und interpretierenden Subjekt wäre also ein (algorithmisches) Abfragesystem (hier, die App).

    Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde das „gute alte Internet“ vor seiner Mobilwerdung durch Smartphones weder besser noch schlechter als den heutigen Zustand. Ein Internet ohne Abfragemöglichkeit wäre ja schlicht nutzlos, das ist klar. Aber – war es im Aufschreibesystem 1900 noch wichtig, was aufgeschrieben wurde, spielt es im Abfragesystem 2000 eine evtl. fast ebenso große Rolle, wo und wie dieses Aufgeschriebene abgefragt und damit soziokulturell wirksam werden kann. Die Gatekeeper des 20. Jahrhunderts waren A&R-Manager, Rundfunk- und Zeitungsredakteure, Verleger etc., also fehlbare, kontingente, beeinflussbare, aber auch instinktsichere und „professionelle“ Subjekte. Die Gatekeeper im Abfragesystem 2000 sind die Query-Designer, also Programmierer und – letztlich – deren Arbeitgeber, deren Vorstellungen sie technisch umsetzen.

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  4. @stefan: Wenn Seemann schreibt „das bestimmende Moment der Informationsstrukturierung findet nicht mehr beim Aufschreiben statt“, dann impliziert das doch, dass das bestimmende Moment der Informationsstrukturierung früher das Aufschreiben war. Genau diese Prämisse scheint mir, im Kontext von Aufschreiben/Abfragen, nicht zu stimmen.

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  5. @Harry: Ah, jetzt komme ich langsam dahinter, worauf du aus bist – es geht dir um die Stringenz von Seemanns Begrifflichkeit! Nun, aus dem Zusammenhang gerissen ist der von dir zitierte Seemann-Satz vielleicht wirklich ein wenig missverständlich (er impliziert ja, dass es eigentlich wurscht ist, was man aufschreibt – aber so kann er das ja wohl nicht meinen, oder? Hätte er sich sonst solche Mühe mit seinem Buch gegeben?), das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das 21. Jahrhundert eine „Emanzipation der Abfrage“ hervorgebracht hat (und weiter hervorbringt), die es – und ich wiederhole mich hier gern – so vorher noch nicht gab.

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  6. @Harry: Dazu schreibt Seemann auf Seite 66:“Während die klassische Wissenschaft eine Hypothese formulierte und diese durch Ursache-Wirkung-Verhältnisse nachzuweisen suchte, kommt bei Big Data die Query häufig vor der Hypothese. Warum nicht einfach mal ein paar Datensätze korrelieren und schauen, ob sich dabei etwas Interessantes findet? Bei Big Data geht es immer weniger um Kausalität, sondern um Korrelation. Findet sich ein signifikanter Zusammenhang, kann diesem nachgespürt und nach einer Erklärung gesucht werden.“ Problematisch an dieser Passage ist natürlich, dass Querys ja auch bereits „theory-laden“ sind, es gibt, genau gesehen, keine „neutralen“ Abfragen. Wo Seemann aber wieder recht hat, ist, dass die schiere Quantität der heute verfügbaren Rohdaten Korrelativität ermöglicht, wo bisher nur Zufall bzw. Chaos zu sein schien.

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  7. @Stefan: Ich zweifle, dass die Unterscheidung Aufschreiben/Abfrage tatsächlich die Leitdifferenz ist, über die man hier einen Paradigmenwechsel sinnvollerweise beschreiben kann. Aussichtsreicher fände ich es, entweder verschiedene Typen des Aufschreibens oder verschiedene Typen der Abfrage oder verschiedene Typene eines Aufschreibe-Abfrage-Systems zu unterscheiden. Aber Aufschreiben / Abfragen so als Differenz zu stilisieren, führt meiner Meinung nach nicht weit – man sieht höchstens, dass die Abfrage heute eine besondere Bedeutung hat. Aber welche? Da müsste man die andere Seite der Query besser bezeichnen. Ich glaube, dass ist eine systematische Schwäche von Seemans ansonsten lesenswerten Buches.

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  8. @Harry: Ich kann mich nicht erinnern, dass Seemann Aufschreiben / Abfragen irgendwo als „Leitdifferenz“ im Luhmannschen Sinn bezeichnet hätte. Vielmehr stellt er fest, dass die weiter existierenden Aufschreibesysteme ganz allmählich von Abfragesystemen überwuchert werden. Diese Überwucherungen (ein Beispiel wären diverse Programme der NSA, von denen wir durch Snowden wissen, ein anderes die semantische Suchmaschine Wolfram Alpha, ein drittes Big-Data-Technologien) entstehen erst gerade, werden aber in den kommenden Jahren immer wichtiger werden. Vielleicht ist es auch sinnvoll, Query-Technologien als parasitär zu verstehen, mit „dem Aufgeschriebenen“ als Wirt. Im Unterschied zu biologischen Parasiten sind die Querys aber mehr und mehr in der Lage, selbst „korrelatives“ Wissen zu generieren. Dieses Wissen hat dann zwar – so Seemann – mit szientifischer Erkenntnis nur noch entfernt zu tun, es greift aber nicht minder gravierend in unseren Alltag ein, auch, weil es so schön „zur Hand“ ist (Bsp.weise könnte man sich vorstellen, dass Krankenkassen Big-Data-Technologien verwenden, um Erkrankungsrisiken ihrer Versicherten zu prognostizieren, wonach sich dann die Höhe künftiger Beitragssätze bemisst. Vermutlich tun sie das längst.).

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  9. @Volker: Danke für den Hinweis, exakt das meine ich. Und – mit Seemann – meine ich auch, dass der Ruf nach „Datenschutz“ hier mal wieder Blödsinn ist. Das ganze Konzept „Datenschutz“ ist, verkürzt gesagt, antiquiert und sollte – sage ich jetzt – durch eine (noch zu formulierende) „Datenethik“ ersetzt werden. Koppelt man Big Data mit Neo-Liberalismus (wie das die Generali offenbar tut), kommt nämlich ganz schlicht Lifestyle-Darwinismus heraus: Gesunde werden für ihr Gesundsein belohnt, Kranke für ihr Kranksein bestraft. *Warum* jemand krank ist, spielt keine Rolle, es zählen, äh, „Fakten“ (Daten), denn die sind ja bekanntlich „objektiv“. Das ist nicht nur „beunruhigend“, wie du sagst, sondern m. E. ein weltanschauliches Verbrechen (wenn auch betriebswirtschaftlich komplett vernünftig und nachvollziehbar). Die Autorin (und Juristin) Juli Zeh hat bereits im Jahr 2009 den Roman „Corpus Delicti: ein Prozess“ über dieses Thema publiziert (habe ihn nicht gelesen).

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